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Faulturmreinigung durch Spezialtaucher

Mittelschwäbische Nachrichten; Samstag, 25. Juni 2011

Im Schlamm abtauchen
Kläranlage; Taucher einer Spezialfirma aus Pinneberg beseitigen Ablagerungen auf dem Grund des Faulturms

VON MANFRED KELLER

Krumbach/Billenhausen

Siegfried Richter aus Pinneberg hat sich dieser Tage „zum Tauchgang in den Süden“ aufgemacht – sein Ziel ist allerdings nicht ein Urlaubstrip in die Meerestiefe und zu Korallenriffen. Nein, Richter ist berufstechnisch vom hohen Norden angereist und macht in Billenhausen Station, um dort im Faulturm der Krumbacher Kläranlage abzutauchen. Tauchen in einem Faulturm? Das ist ja fast wie „Schwimmen in der Sch ...“, wird da vielleicht so mancher spontan denken. Aber was sein muss, muss eben sein. Denn es gilt, die Verkrustungen zu beseitigen, die sich am Grund des Faulturms gebildet haben.

 


Michael Lorentzen wird für einen weiteren Tauchgang im Faulturm der Billenhauser Kläranlage vorbereitet. Zweiter von rechts Krumbachs Bürgermeister Hubert Fischer. Sitzen Anzug und alle anderen notwendigen Dinge perfekt, dann heißt es: hinein in den Schlamm (rechtes Bild).
Fotos: Manfred Keller

Siegfried Richter ist Inhaber einer Spezialfirma für Berufs- und Industrietauchen, im In- und Ausland gefragt für außergewöhnliche Taucheinsätze. Und er ist in Begleitung weiterer Taucherkollegen und Mitarbeiter – die allesamt in ihrem gemeinsamen „Leben vor dem Klärschlamm tauchen“ bei der Marine im Einsatz waren, in Sachen Tauchen also erfahren und erprobt sind.

Seit nahezu 30 Jahren mit Schlamm befüllt

Tauchen im Schlamm: Manchmal geht es halt nicht anders. Weil sich Sand und anorganische Verkrustungen am Grund des Faulturms angesammelt haben, ist der spektakuläre Einsatz der Taucher vonnöten. Seit nahezu 30 Jahren werden die Faultürme des Krumbacher Klärwerks schließlich schon mit Schlamm befüllt und das bleibt nicht ohne Folgen. Bei einem Revisionstauchgang im letzten Jahr schon wurden die Vorarbeiten für den nun mehrigen Einsatz erkundet und die Strategie festgelegt. 14 Tage durchgehend finden derzeit täglich von 8 bis 18 Uhr die Tauchgänge statt, Feiertag und Wochenenden eingeschlossen. Vier Taucher wechseln sich ab – pro Tauchgang sind etwa zwei Stunden angesetzt und ihre Aufgabe ist dabei klar umrissen: Sie müssen die Ablagerungen in dem insgesamt 1500 Kubikmeter fassenden und 19 Meter hohen Betonsilo lokalisieren, beseitigen und dafür sorgen, dass die in die Tiefe des Faulturms abgelassene Pumpe „das Material“ über eigens gelegte Rohrleitungen in einen Container befördert. Zum Spezialauftrag der Faulturmreinigungen gehört auch, dass dieser Klärschlamm vor Ort maschinell getrocknet, auf Lkws verfrachtet und der Verbrennungsanlage bei Schongau zugeführt wird. Mit Spezialwerkzeugen einschließlich Hochdruckreiniger lösen die Taucher die festgebackene Masse – übrigens mit geschlossenen Augen: In der Tiefe des Faulturms herrscht ohnehin absolute Dunkelheit, und dann geht es eben darum, die Sehnerven nicht über einen solangen Zeitraum dieser extremen Situation auszusetzen.

 


Vesper in den „Katakomben“ der Kläranlage: Firmenchef Siegfried Richter (links) mit einem Tauchhelfer.
Fotos: Manfred Keller


Zwei Kabelleitungen verbinden die Taucher mit der Außenwelt: Eines sorgt für Zufuhr von Atemluft, das zweite dient der Funkverbindung. Die Taucher steigen mit Spezialanzügen in den Faulturm. Die ganze Ausrüstung wird unter Druck gesetzt, um dem Druck des Schlamms standhalten zukönnen. „Dank der Taucher können wir den Faulturm unter Betrieb reinigen“, erklären Werkleiter Dietmar Müller und Abwassermeister Karl Konrad. Die Alternative wäre nämlich weitaus aufwendiger. Der ganze Turm müsste entleert und gereinigt werden. Das würde Wochen dauern. Wochen, in denen man den frischen Klärschlamm irgendwo zwischenlagern müsste, und in denen auch die Biogaserzeugung der Kläranlage ausfallen würde. Da ist es ein vergleichsweise geringer Aufwand, den Meisterbetrieb aus Pinneberg zu engagieren.

Die Taucher sind europaweit im Einsatz

Und für das Team von Siegfried Richter ist Krumbach nicht das weiteste Ziel. Ob Griechenland oder Kroatien – die Kläranlagenspezialisten und Faulturmtaucher sind europaweit im Einsatz. „Leute wie wir sind dünn gesät“, sagt Michael Lorentzen, der beim Billenhauser Einsatz nach „dem Chef“ als Zweiter in den Faulturm abtaucht. Auch er weiß, dass er einen wohl mehr als gewöhnungsbedürftigen Job macht: völlige Dunkelheit und Wärme, der Druck von Tonnen zähen Klärschlamms und dazu die Risiken des Einsatzes an sich. Da gehören körperliche Fitness und mentale Stabilität zum „Handwerkszeug“.

Deshalb schickt Krumbachs Bürgermeister Hubert Fischer, der sich vor Ort vom Einsatz der Spezialisten informierte, die sechsköpfige Crewam Abend ins städtische Freibad: zum Schwimmen wohlgemerkt – nicht zum Tauchen.
Und was macht ein Faulturm-Schlamm-Taucher im Urlaub? Siegfried Richter verrät es: Er war jüngst zum Tauchgang in den Korallenriffen vor Australien – und zum Ausgleich beim Bergsteigen am Kilimandscharo …